Eigene App: Trend oder unnötiger Aufwand?

App entwickeln

Mobile Apps gehören längst zum Alltag. Banking, Shopping, Navigation oder Streaming – fast jede größere Dienstleistung verfügt inzwischen über eine App. Daher stellt sich für Unternehmen wie auch für Selbstständige die Frage: Ist eine eigene App eine lohnende Investition, oder handelt es sich eher um einen kostspieligen Trend, der nur in bestimmten Fällen Sinn ergibt? Während klassische Webseiten oder Progressive Web Apps oft günstiger und flexibler sind, haben native Apps weiterhin Vorteile bei Funktionen und Nutzerbindung.

Dazu kommt ein neuer Aspekt: Durch den Digital Markets Act musste Apple seine Vertriebsregeln in Europa öffnen, sodass Entwicklerinnen und Entwickler ihre Apps inzwischen auch außerhalb des App Stores anbieten dürfen. Damit verschiebt sich die Diskussion rund um die App-Strategie deutlich.

Apps als Instrument der Kundenbindung

Der größte Vorteil einer eigenen App liegt in der engen Bindung zu den Nutzer. Push-Benachrichtigungen, individualisierte Inhalte und die Integration von Smartphone-Funktionen wie Kamera oder GPS schaffen Interaktivität, die über eine normale Webseite hinausgeht. Für Unternehmen im Handel, in der Gastronomie oder im Fitnessbereich bietet dies die Chance, Kundschaft langfristig zu halten. Loyalty-Programme lassen sich nahtlos integrieren, mobile Bezahlfunktionen vereinfachen den Kaufprozess.

Allerdings ist dieser Mehrwert teuer erkauft: Die Entwicklung einer App für iOS und Android erfordert nicht nur technisches Know-how, sondern auch regelmäßige Pflege. Sicherheitsupdates, neue Betriebssystemversionen und steigende Erwartungen der Nutzerinnen führen zu fortlaufenden Kosten. Besonders kleine und mittlere Unternehmen unterschätzen diesen Aufwand oft, was dazu führt, dass Apps nach kurzer Zeit nicht mehr gepflegt werden und ihre Wirkung verlieren.

Progressive Web Apps und moderne Webseiten

Eine Alternative zur nativen App sind Progressive Web Apps oder responsive Webseiten. Sie kombinieren die Vorteile klassischer Websites mit app-ähnlicher Funktionalität. So lassen sich PWAs direkt auf dem Startbildschirm installieren, unterstützen Offline-Zugriff und können sogar Push-Nachrichten versenden. Beispiele wie Starbucks zeigen, dass solche Lösungen im Alltag funktionieren: Die PWA des Unternehmens ist deutlich kleiner als die native App und wird dennoch millionenfach genutzt.

Auch Suchmaschinenfreundlichkeit ist ein Pluspunkt, denn PWAs sind über Google & Co. auffindbar – im Gegensatz zu Apps, die erst im App Store gesucht werden müssen. Zudem genügt eine Codebasis, um alle Plattformen zu bedienen, was die Kosten erheblich senkt. Dennoch bleiben PWAs in einigen Punkten limitiert: Grafikintensive Anwendungen wie Gaming oder komplexe Finanz-Apps laufen nativ oft deutlich performanter, da sie direkt auf die Systemressourcen zugreifen können.

Neue Optionen durch Apples Öffnung in der EU

Ein entscheidender Aspekt im Jahr 2025 ist die durch den Digital Markets Act erzwungene Öffnung von Apple. Seit iOS 17.4 und iPadOS 18 können Nutzerinnen in der EU Apps nicht nur über den App Store laden, sondern auch über alternative Stores oder direkt von den Webseiten der Anbieter installieren. Es entstehen neue Kostenmodelle, die im Vergleich zum klassischen 30 %-App-Store-Anteil günstiger sein können, aber nicht automatisch niedriger ausfallen.

Allerdings bleibt Apple im EU-Markt weiterhin präsent: Zwar erlaubt der Digital Markets Act alternative Vertriebskanäle – der Fall der Torrent-App iTorrent, deren Vertrieb trotzdem vom Entwicklerkonto entfernt wurde, zeigt, dass Apple technische Kontrolle behält und Zugriffe einschränken kann. Zudem sollte man die Kostenstruktur nicht übersehen: Der Core Technology Fee von 0,50 € pro Erstinstallation pro Jahr greift nach der ersten Million Installationen und betrifft laut Apple weniger als 1 % aller Entwickler. Ab Januar 2026 soll dieses Modell durch eine Core Technology Commission in Höhe von etwa 5 % auf digitale Käufe ersetzt werden

Die Wahl des Vertriebswegs hängt stark vom Geschäftsmodell ab. Ein Platz im App Store bietet nach wie vor Reichweite und Vertrauen: Millionen Nutzerinnen suchen dort gezielt nach neuen Anwendungen, und Apple garantiert einen gewissen Qualitäts- und Sicherheitsstandard.

Der Direktdownload über die eigene Website eröffnet hingegen mehr Kontrolle über Inhalte, Preise und Updates, birgt aber auch Risiken. Anwender müssen zusätzliche Sicherheitsabfragen akzeptieren und sich aktiv für den Download entscheiden – was die Hürde höher macht. Dennoch bietet gerade dieser Weg für viele Anbieter neue Chancen: Wer eine starke Marke oder treue Kundschaft hat, kann so die eigene Plattform als zentralen Vertriebsweg etablieren und unabhängig von externen Vorgaben agieren.

App Downloads von Casinos sind häufig direkt auf den Plattformen seriöser Betreiber möglich. Ähnlich verhält es sich im Bereich E-Learning: Sprachschulen oder Weiterbildungsplattformen bieten ihre Apps inzwischen ebenfalls als Direktdownload an, um Lerninhalte ohne zusätzliche Gebührenstrukturen oder Store-Beschränkungen verfügbar zu machen. Damit zeigt sich, dass der Website-Vertrieb nicht nur für Nischenmärkte relevant ist, sondern auch in regulierten oder spezialisierten Branchen erfolgreich eingesetzt werden kann.

Eine native App ist vor allem dann gerechtfertigt, wenn sie einen klaren Funktionsvorteil bietet: Offline-Modus, Hardwareanbindung oder aufwendige Interaktion. Auch bei sehr app-affinen Zielgruppen kann sich der Aufwand lohnen. Mit der EU-Regelung, die den Direktvertrieb von Apps ermöglicht, wird die Schwelle für Unternehmen zwar etwas gesenkt, doch die laufenden Kosten und Pflichten bleiben hoch.

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