Mehrere Stunden am Tag, nur fürs Stimmen. So beschreiben Quellen die Aufnahmen zu „Phaedra“, die im November 1973 im englischen Studio The Manor begannen und nach weniger als sechs Wochen abgeschlossen waren. Der Tangerine Dream Synthesizer jener Jahre hatte keine Presets und keinen Speicher. Jeder Klang entstand mit Kabeln und Drehreglern neu, und warme Oszillatoren verstimmten sich während der Aufnahme. Genau aus diesen Grenzen entstand ein Sound, der als Berliner Schule in die Geschichte der elektronischen Musik einging.
Unter der Adresse dieses Beitrags lag Ende der 1990er-Jahre eine private Fanseite, deren alte Kopie heute noch im Internet Archive steht. Dieser Text ist neu geschrieben, und mit der Gruppe oder ihrem Management hat netstore.de nichts zu tun.
Wer steckt hinter Tangerine Dream?
Edgar Froese gründete die Gruppe Tangerine Dream 1967 in West-Berlin. Das erste Album „Electronic Meditation“ wurde 1970 veröffentlicht und klang noch nach Krautrock und Tonbandcollage; am Schlagzeug saß Klaus Schulze, der kurz darauf Ash Ra Tempel mitgründete. Synthesizer kamen damals noch kaum vor.
Das änderte sich mit Christopher Franke, der von der Berliner Gruppe Agitation Free kam, und mit Peter Baumann. Auf „Alpha Centauri“ (1971) tauchten erste elektronische Klänge auf. Die Besetzung Froese, Franke, Baumann prägte danach die wichtigsten Studioalben:
| Jahr | Album | Technischer Schwerpunkt |
|---|---|---|
| 1974 | Phaedra | erstmals Moog-Sequenzer als treibende Basslinie |
| 1975 | Rubycon | lange Sequenzerstücke, Mellotron-Flächen |
| 1976 | Stratosfear | mehr Melodie, Gitarre und Mellotron |
| 1977 | Sorcerer (Soundtrack) | Filmmusik für William Friedkin |
| 1979 | Force Majeure | Sequenzer, Gitarre und Schlagzeug im Wechsel |
„Phaedra“ erschien am 20. Februar 1974 beim englischen Label Virgin Records und kam in Großbritannien auf Platz 15 der Albumcharts. Eine Platte ohne Gesang, fast nur aus Elektronik, in den britischen Top 20: Damit hatte kaum jemand gerechnet.
Welche Instrumente prägten den Klang?
Moog-Modularsystem
Franke spielte ein großes Moog-Modularsystem. Es war das Herz der frühen Jahre. Laut einem Interview mit dem Entwickler Hartmut Heinze bei AMAZONA.de handelte es sich um einen Moog IIIp, den Heinze für die Band wieder in Gang brachte. Ein Modularsystem besteht aus einzelnen Bausteinen: Oszillatoren erzeugen den Ton, Filter formen ihn, Hüllkurven steuern den Verlauf. Verbunden wird alles per Patchkabel.
Wer so ein Gerät einmal im Original sehen möchte: Die Musikinstrumenten-Ausstellung des Deutschen Museums in München zeigt einen Moog IIIp als eines ihrer Glanzstücke.
Der Sequenzer
Ein Step-Sequencer speichert eine Folge von Spannungen, meist acht oder sechzehn Schritte. Jeder Schritt steht für eine Tonhöhe, ein Taktgeber schaltet sie nacheinander durch. Auf „Phaedra“ ersetzte das Moog-Gerät den E-Bass: Die pulsierenden Achtelläufe tragen den Titel des Albums und „Movements of a Visionary“. Wer die Platte heute wieder hört, merkt gegen Ende des Titelstücks, wie sich die Töne leicht verschieben, weil sich die warm gewordenen Oszillatoren verstimmten.
Das klassische Moog-Modul hatte allerdings eine Macke. Jede Stufe wurde per Drehregler gestimmt. Feste Halbtonschritte gab es nicht. Die Firma Projekt Elektronik aus West-Berlin baute deshalb ab Mitte der 1970er-Jahre eigene Steuergeräte für Tangerine Dream:
- feste Schalter für 12 Halbtöne und 5 Oktaven, damit Franke live transponieren konnte
- Ketten von 8 bis 64 Schritten
- eine Steuerspannung von exakt 1,000 Volt pro Oktave
- rund eine halbe Stunde Aufwärmzeit, bevor die Stimmung stabil war

Für Baumann entstand außerdem ein Modularsystem in einem geschweißten Edelstahlrahmen auf Rollen. Statt Kabel steckte er 24 Kippschalter um, die fest verdrahtete Wege auswählten.
Das Mellotron
Das Mellotron ist im Grunde ein Tonbandgerät mit Tastatur, also eine Art mechanischer Sampler. Hinter jeder Taste liegt ein eigener Bandstreifen mit einer echten Aufnahme, etwa von Streichern oder einem Chor. Ein Ton hält höchstens etwa acht Sekunden. Dann ist der Streifen zu Ende. Das verbreitete Modell M 400 von 1970 hat 35 Tasten und wiegt rund 55 Kilogramm. Tangerine Dream setzte in der „Phaedra“-Zeit gleich mehrere Mellotrons ein, gespielt vor allem von Froese.
Was ist die Berliner Schule?
Der Begriff bezeichnet eine Spielart der elektronischen Musik, die in den 1970er-Jahren in Berlin entstand. Neben Tangerine Dream zählen Klaus Schulze und Manuel Göttsching zu den bekanntesten Namen. Typisch sind lange Stücke von 15 Minuten und mehr, ein wiederholtes Muster als Fundament und darüber improvisierte Flächen und Soli.
Wie funktioniert das musikalisch? Gespielt wird am laufenden Muster. Die Sequenz bleibt fast gleich, während die Musiker Filter und Lautstärke von Hand verändern. So wirkt ein Lauf aus acht Tönen über zehn Minuten nie starr. Das Prinzip kennen viele heute aus Ambient und Techno, wenn sie elektronische Musik hören. Auch dort trägt die Wiederholung, und die Spannung entsteht aus kleinen Verschiebungen über viele Minuten hinweg, bis man irgendwann merkt, dass sich der Klang komplett gewandelt hat. Wer den größeren Bogen sucht, findet ihn im Beitrag darüber, wie Technik den Musikgenuss revolutioniert hat.
Vom Analogpark zu digitalen Instrumenten und Filmmusik
In den 1980er Jahren gehörte Tangerine Dream zu den frühen Nutzern digitaler Technik. Johannes Schmoelling ersetzte ab 1979 Peter Baumann, und Anfang 1980 spielte die Gruppe ein Konzert im Palast der Republik in Ost-Berlin. Sampler und digitale Synthesizer lösten die schweren Modulsysteme nach und nach ab. Ihr großer Vorteil: Sie konnten Klänge speichern und auf Knopfdruck wieder abrufen. Heinze beschreibt im Interview, dass er mit dem Siegeszug der digitalen Klangerzeugung aufhörte, analoge Geräte zu bauen.
Parallel wurde die Gruppe zur gefragten Adresse fürs Kino. In den 1980er Jahren schrieb sie Soundtracks zu mehr als 20 Filmen, darunter:
- „Sorcerer“ (1977), Regie William Friedkin
- „Thief“ (1981), Regie Michael Mann
- „Risky Business“ und „Firestarter“ (beide Mitte der 1980er)
- „Legend“ (US-Fassung, 1986)
Edgar Froese starb am 20. Januar 2015 in Wien. Tangerine Dream gibt es trotzdem weiter, neue Alben erscheinen beim bandeigenen Label Eastgate Music. Thorsten Quaeschning leitet die Gruppe, dazu kommen die Geigerin Hoshiko Yamane und Paul Frick an den Keyboards. Zwischen 2014 und 2020 gehörte auch Ulrich Schnauss dazu.

So bauen Sie den Sound heute nach
Für eine Sequenz im Stil der alten Berliner Elektronik brauchen Sie keinen Moog im Schrankformat. Ein Rechner reicht. Hardware kann später dazukommen.
- Software wählen: VCV Rack ist ein kostenloser, quelloffener Nachbau eines Modularsystems im Eurorack-Format. Daneben gibt es Software-Nachbauten klassischer Moog-Systeme von mehreren Herstellern.
- Grundpatch stecken. Oszillator (Sägezahn) in ein Tiefpassfilter, danach eine Hüllkurve mit kurzem Attack und mittlerem Decay in einen Verstärker.
- Step-Sequencer anschließen: acht Schritte, Tonhöhe per 1 Volt pro Oktave an den Oszillator, Gate an die Hüllkurve, Tempo um 120 BPM in Achtelnoten.
- Live verändern. Filter-Cutoff und Resonanz langsam drehen, Schritte transponieren, ein zweites Muster mit anderer Länge laufen lassen, etwa sieben gegen acht Schritte.
- Raum geben: Hall und Delay im Tempo setzen, darüber eine Fläche mit Streicher- oder Chor-Sample im Mellotron-Stil.
Wer später zu Hardware wechselt, landet meist bei Eurorack. Der deutsche Hersteller Doepfer aus Gräfelfing legte das Format Mitte der 1990er-Jahre mit dem System A-100 fest. Die Module sind 128,5 Millimeter hoch, die Breite wird in TE (HP) zu je 5,08 Millimetern gemessen. Wie aus einer Sequenz ein ganzes Stück wird, erklären die Tipps zum Musik komponieren.
Trotzdem rät die Redaktion: Fangen Sie mit Software an. Ein kleines Eurorack-System kostet schnell so viel wie ein gebrauchter Laptop. Am Rechner lernen Sie die Logik von Steuerspannung und Gate dagegen ohne finanzielles Risiko, und ein falsch gestecktes Kabel kostet dort höchstens einen Mausklick. Erst wenn Sie wissen, welches Modul Ihnen fehlt, lohnt sich der Kauf.
Checkliste für die erste Berliner-Schule-Sequenz
- Sägezahn-Oszillator, Tiefpassfilter, Hüllkurve, Verstärker verbunden
- Step-Sequencer mit 8 oder 16 Schritten, Tonhöhe auf 1 V/Oktave
- Tempo festgelegt, Achtel- oder Sechzehntel-Raster
- Filter per Hand oder langsamen LFO bewegen
- zweite Sequenz mit abweichender Länge für Verschiebungen
- Fläche aus Bandsample oder Pad, Hall im Tempo
- Aufnahme starten und zehn Minuten am laufenden Muster spielen

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