„Hi! I am God. How are you?“ Mit diesem Satz begrüßte eine englischsprachige Spaßseite ihre Besucher, die das Internet Archive erstmals im Januar 1997 gespeichert hat. Sie hieß „The Homepage of God“ und lag früher unter der Adresse netstore.de/~god/. Für alle, die verstehen wollen, wie das Internet der 90er funktionierte, steckt in dieser kleinen Satire fast alles drin: die Tilde in der URL, Familienfotos, Downloads in drei Videoformaten und ein Seitenhieb auf Windows. Über 200 Domains verlinken noch immer auf die frühere Adresse.
Was war die Homepage of God?
Das Angebot war eine Parodie auf das, was zu jener Zeit fast jede private Homepage hatte. Statt „Über mich“ stand dort eine Vorstellung des Betreibers, statt Urlaubsfotos gab es „Snapshots“ der Familie. Ein Disclaimer erklärte sinngemäß, der Betreiber sei für vieles verantwortlich, aber ausdrücklich nicht für Microsoft Windows und langsame Bandbreite.
Dazu kamen Rubriken, die das Online-Leben jener Jahre auf die Schippe nahmen:
- der „WWW Sin Absolution Service“, ein Angebot zum Online-Beichten, „nur für dieses Leben gültig“
- eine Anspielung auf Zaphod Beeblebrox aus „Per Anhalter durch die Galaxis“
- ein Download namens „Time“ als Archivdatei, dazu ein Video als SGI-, QuickTime- und MPEG-Datei mit je 1 MB
- Programmierer-Witze rund um „helloworld.c“ und ein Perl-Skript, das per Cron regelmäßig laufen sollte
- ein Copyright-Vermerk von „0000 until eternity“
Der Humor zielte auf technische Details und Netzgewohnheiten: Ladezeiten, Dateiformate, Admin-Routinen. Ein Gag funktionierte nur, wenn man wusste, was ein Cronjob ist oder warum ein Video mit 1 MB über ein Modem lange brauchte. Leser mit diesem Wissen saßen in den späten 90ern vor den Rechnern und teilten den Link in Sammlungen und auf anderen Homepages. So entstanden die vielen Verweise, die bis heute existieren. Die Urheber nennt das Archiv nicht eindeutig, deshalb bleiben sie hier ungenannt.
In diese Reihe gehört die Satire als Netzhumor-Phänomen. Spaßseiten mit absurden Prämissen waren ein eigenes Genre, ähnlich wie später Memes. Sie lebten davon, dass jemand die Form einer gewöhnlichen Homepage nahm und mit einem unerwarteten Inhalt füllte.
Warum standen persönliche Homepages unter ~benutzer?
Die Tilde stammt aus der Unix-Welt. Dort steht ~name für das Heimatverzeichnis eines Benutzers. Webserver wie der Apache übersetzten eine Adresse wie /~name/ direkt in einen Ordner im Benutzerkonto, meist public_html. Jeder, der ein Konto bei einer Uni, einem Provider oder einem Firmenserver hatte, konnte dort HTML-Dateien ablegen, und schon war der eigene Auftritt online.
Typisch für diese Tilde-Websites:
- Die Adresse verriet den Server und den Benutzernamen, etwa
www.provider.de/~mueller/. - Der Speicherplatz lag oft bei wenigen Megabyte, Grafiken wurden deshalb klein gehalten und stark komprimiert.
- Hochgeladen wurde per FTP, bearbeitet oft ganz einfach mit einem Texteditor.
- Zog jemand um oder kündigte den Zugang, verschwand das Verzeichnis samt allen Links.
An diesem vierten Punkt liegt es, dass heute so viele Verweise aus dem frühen Web ins Leere laufen.

Bausteine einer typischen 90er-Homepage
Beim Bau griffen die meisten Hobby-Webmaster zu denselben Elementen. Fast alle waren kleine CGI-Skripte in Perl oder animierte GIFs, die man aus Sammlungen kopierte.
| Element | Wie es funktionierte | Was heute daran erinnert |
|---|---|---|
| Besucherzähler | CGI-Skript zählt Aufrufe und liefert Ziffern als Grafik | Aufrufzahlen bei Videos und Beiträgen |
| Gästebuch | Formular, Einträge landen in einer Textdatei | Kommentarspalte, Likes |
| Frames | Navigation und Inhalt als getrennte Dateien | feste Seitenleisten im Responsive Design |
| „Under construction“-GIF | animiertes Baustellenschild für halbfertige Projekte | „Coming soon“-Hinweise |
<blink> und <marquee> |
blinkender bzw. laufender Text | Animationen per CSS |
| Webring-Leiste | Links zu „vorheriger“, „nächster“, „zufälliger“ Station | Empfehlungen, Blogrolls |
| Award-Button | Grafik als Auszeichnung von anderen Webmastern | Abzeichen, Badges |
Das <blink>-Element war eine Erweiterung von Netscape und nie Teil eines HTML-Standards, heute zeigt es kein Browser mehr an. Ein „Best viewed with Netscape Navigator“-Knopf gehörte dennoch auf viele Startseiten, denn Netscape (seit Ende 1994 auf dem Markt) und der Internet Explorer stellten denselben Code oft unterschiedlich dar.

GeoCities: Nachbarschaften statt Tilde
Nicht jeder hatte einen Uni-Account. Für alle anderen gab es Gratis-Anbieter. Der bekannteste startete im November 1994 als Beverly Hills Internet und hieß bald GeoCities. Die Plattform sortierte die Auftritte in thematische „Nachbarschaften“, die Adresse enthielt Viertel und Hausnummer statt eines Benutzernamens.
Ein paar Eckdaten zur Entwicklung:
- 1998 zählte GeoCities zu den drei meistbesuchten Websites im Netz.
- Im Januar 1999 kaufte Yahoo den Dienst für rund 3,57 Milliarden US-Dollar in Aktien.
- Am 26. Oktober 2009 schaltete Yahoo das Angebot in den USA ab, berichtet wird von rund 38 Millionen Seiten.
- Die japanische Ausgabe lief bis zum 31. März 2019 weiter.
Aus heutiger Sicht war das Ende ein Lehrstück: Gratis-Speicher bei einer Plattform ist bequem, gehört aber nicht dem Nutzer. Bei der Frage, ob sich eine eigene Homepage noch lohnt, gehört dieser Punkt deshalb mit auf die Liste.
Wie fanden Menschen sich ohne Suchmaschine?
Google wurde erst 1998 gegründet. Bis dahin halfen Kataloge wie Yahoo, Linklisten und Webringe. Ein Webring verband Websites zu einem Thema in einer Kette, eine Leiste am Ende führte zur nächsten oder vorherigen Station des Rings. So kam man vom einen Aquarium-Fan zum nächsten, ohne je eine Suchmaske zu sehen.
Award-Seiten funktionierten ähnlich: Wer einen fremden Auftritt gut fand, verlieh ihm eine selbst gestaltete Grafik, die der Empfänger stolz einbaute und zurückverlinkte. Gästebücher sorgten dafür, dass Besucher einen Gruß und oft gleich die eigene Adresse hinterließen. Bei ein paar Millionen Websites ließ sich so etwas noch von Hand pflegen. Mit einem Modem zwischen 28,8 und 56 kbit/s lud eine Startseite mit vielen GIFs allerdings spürbar, und weil die Verbindung im Minutentakt abgerechnet wurde, surften viele gezielt und kurz.
Was ist vom frühen Web geblieben?
Die erste Website überhaupt ist noch erreichbar: Das CERN hat sie unter info.cern.ch wiederhergestellt, inklusive Simulator für den damaligen Zeilenbrowser. Am 30. April 1993 gab das CERN die Software für das World Wide Web frei, erst danach konnte das Netz außerhalb der Forschung wachsen.
Für fast alles andere ist das Internet Archive zuständig. Es sammelt seit 1996 Webseiten, die Wayback Machine ist seit Oktober 2001 öffentlich. Auch die Homepage of God lässt sich dort mit Schnappschüssen ab 1997 durchblättern. Freiwillige der Initiative Archive Team kopierten vor der Abschaltung große Teile von GeoCities, Spiegel davon sind bis heute online.

Was lebt im modernen Web weiter?
Manches hat nur den Ort gewechselt. Das Profil in sozialen Netzwerken ist die Über-mich-Seite von früher, der Like ersetzt den Gästebucheintrag, und die Aufrufzahl unter einem Video ist der Besucherzähler mit besserem Design. Gestaltung und Daten liegen allerdings bei der Plattform, nicht mehr im eigenen Verzeichnis. Das digitale Zuhause hat sich damit verändert, Rückmeldungen von Besuchern wollen die meisten trotzdem sehen.
Das alte Gefühl gibt es trotzdem noch, besonders an diesen Stellen:
- Neocities: 2013 gegründet, Gratis-Hosting für handgebaute Websites im Geist von GeoCities
- IndieWeb: eine Bewegung, die Domains in eigener Hand statt Plattformprofile empfiehlt und Beiträge von dort aus verteilt
- Tilde-Gemeinschaften wie tilde.club, die das Prinzip „Konto auf einem gemeinsamen Server, Auftritt unter
~name“ bewusst wiederbeleben
Für den Einstieg reichen HTML und etwas CSS, eine neue Seite mit Gästebuch-Optik lässt sich an einem Nachmittag bauen. Die Grundlagen dazu stehen im Beitrag Was ist Webdesign?. Für den geschäftlichen Auftritt erklärt der Ratgeber, wie man eine professionelle Website erstellt.
So finden Sie eine verschwundene Homepage wieder
- Die frühere Adresse in die Wayback Machine eingeben, mit und ohne
www. - Bei Tilde-Adressen den Benutzerpfad variieren (
/~name/,/~name/index.html). - GeoCities-Adressen in Spiegelarchiven wie OoCities suchen.
- Grafiken und Downloads fehlen im Archiv häufig, Texte sind meist vollständig erhalten.
Bei der Homepage of God sind die Texte gesichert, einige Fotos und die Videos fehlen. Den Humor des Projekts versteht man trotzdem nach wenigen Absätzen. Mit etwas Zeit lohnt sich auch ein Klick auf die alten Links: Soweit die Ziele gespeichert wurden, öffnet die Wayback Machine sie im Stand von damals, und so manche neue Entdeckung aus dem frühen Web ist dabei.

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