Ein Webmaster im Jahr 1998 klickt auf seine Monatsstatistik und landet in einer kleinen virtuellen Landschaft. Jeder Tag des Monats steht als Säule im Raum, die Maus dient als Steuerknüppel, und mit ein paar Klicks fliegt er über den Ansturm vom letzten Dienstag. So etwa sah das Versprechen von 3Dstats aus: Webstatistik als begehbares Modell in VRML, der Virtual Reality Modeling Language. Hier geht es darum, was das Programm konnte, warum VRML wieder verschwand und was von der Idee übrig ist.

Zur Einordnung: 3Dstats gehörte zum Umfeld von http-analyze, das die Firma RENT-A-GURU entwickelte. Mit diesem Anbieter und mit der Software hat netstore.de heute keine Verbindung. Die Adresse wurde später neu vergeben; die Software gibt es hier weder zum Download noch wird sie weiterentwickelt.

Was machte 3Dstats genau?

3Dstats war ein Generator für Zugriffsstatistiken in 3D. Das Programm las die Logfiles eines Webservers im verbreiteten Common Log Format und baute daraus ein dreidimensionales Balkendiagramm. Die Achsen: Monat, Tag und Stunde. Betrachtet wurde das Ergebnis in einem VRML-Viewer wie dem Cosmo Player, der als Plug-in im Browser lief. Ohne einen solchen Viewer blieben nur Schnappschüsse, also Standbilder der Szene.

Das Projekt war im Web gut dokumentiert. Die englische Projektseite trug den Titel „3Dstats 2.1: A 3D Access Statistics Generator“ und ist im Internet Archive archiviert. Laut dieser Seite zeigte die damals aktuelle Version pro Tag vier Werte:

  • Hits: alle HTTP-Anfragen an den Server
  • Files: Dateien, die tatsächlich ausgeliefert wurden
  • 304er: Antworten „Not Modified“, ausgelöst durch Caching
  • Rest: Weiterleitungen, nicht gefundene Seiten und Serverfehler

Dazu kam optional ein Jahresmodell, das die einzelnen Monatsmodelle als sogenannte Inlines nachlud. Den VRML-Code hatte der Entwickler für diese Version verschlankt, die Szene erschien nach dem Laden deutlich schneller. Die Anregung stammte von povaccess, einem Programm von Matt Kruse, das ein ähnliches Modell mit dem freien Raytracer POV-Ray als Standbild berechnete. POV-Ray rechnete ein fertiges Bild. In der VRML-Szene dagegen konnte sich der Benutzer frei bewegen.

VRML in Kürze: 3D-Inhalte im frühen Web

Die Virtual Reality Modeling Language (englisch für „Sprache zur Modellierung virtueller Realität“) war der Versuch, virtuelle Welten so einfach ins Internet zu bringen wie HTML-Seiten. Den Namen prägte Dave Raggett 1994 im Umfeld der ersten WWW-Konferenz in Genf; Mark Pesce und Tony Parisi trieben das Projekt voran. Die erste Version baute auf dem Format Open Inventor von Silicon Graphics auf. Für VRML 2.0 setzte sich 1996 der Vorschlag „Moving Worlds“ durch, der Animation und interaktive Elemente in die Szenen brachte.

Wichtige Stationen im Überblick:

Jahr Station Bedeutung
1994 Idee und Name VRML 3D-Welten sollen per Link verbunden werden
1995 VRML 1.0 statische Szenen, wenig Interaktion
1996 VRML 2.0 Animation, Sensoren, Skripte
1997 VRML97 als ISO/IEC 14772 internationaler Standard
2000er X3D XML-fähiger Nachfolger des Web3D Consortium
2011 WebGL 1.0 3D direkt im Browser, ohne Plug-in

Eine VRML-Datei ist reiner Text mit der Endung .wrl, gepackte Dateien enden oft auf .wrz. Sie beschreibt Objekte als Knoten: eine Box, eine Farbe, eine Position, ein Licht. Ein einfaches Beispiel für eine einzelne Säule sieht so aus:

#VRML V2.0 utf8
Transform {
  translation 3 1.5 0
  children Shape {
    appearance Appearance { material Material { diffuseColor 0.2 0.5 0.9 } }
    geometry Box { size 0.8 3 0.8 }
  }
}

Für 3Dstats hieß das: Jede Säule war ein solcher Quader, die Höhe stand für die Zahl der Zugriffe, und die Tage reihten sich entlang einer Achse auf. Solchen Code zu erstellen ist einfach: Ein Perl- oder C-Programm muss nur Textzeilen schreiben, einen eigenen 3D-Editor braucht es dafür nicht.

Schaubild: Vom Logfile über Zählung und VRML-Code zum begehbaren 3D-Modell im Viewer
Vom Logfile zum 3D-Modell: So ging 3Dstats in vier Schritten vor.

Warum verschwand VRML aus dem Browser?

An der Idee lag es nicht. Jeder Benutzer brauchte ein zusätzliches Plug-in für Netscape Navigator oder Internet Explorer, und viele Computer hatten Ende der 90er noch keinen Grafikbeschleuniger, der Szenen flüssig darstellen konnte. Dazu blieb das 3D-Fenster ein Fremdkörper auf der Webseite, Text und Szene wuchsen nie richtig zusammen.

Eine Anwendung, für die Millionen Nutzer das Plug-in installiert hätten, gab es nicht. Virtuelle Welten für Spiele und 3D-Chats waren bereits bekannt, blieben aber eine Nische. Für die meisten Web-Projekte reichten Text und Bilder. Das VRML-Konsortium benannte sich Ende 1998 in Web3D Consortium um und entwickelte mit X3D (Extensible 3D) einen Nachfolger, der VRML um eine XML-Kodierung erweiterte. Das Web3D Consortium beschreibt den Nachfolger als direkte Obermenge von VRML, alte .wrl-Dateien bleiben damit lesbar. Die Spezifikation des alten Standards steht dort weiterhin online, ebenso Hinweise zur Umwandlung in neue Formate.

3D im Browser kam am Ende über einen anderen Weg:

  1. WebGL (Khronos Group, Version 1.0 im Jahr 2011) gab JavaScript-Code im Browser direkten Zugriff auf die Grafikkarte des Computers.
  2. Bibliotheken wie three.js oder Babylon.js machten daraus ein bequemes Werkzeug für Entwickler.
  3. WebXR, eine Schnittstelle des W3C, öffnet Webseiten für VR-Brillen und Augmented Reality.
  4. glTF, ebenfalls von der Khronos Group, übernahm als kompaktes Austauschformat für 3D-Inhalte die Rolle, die VRML einmal zugedacht war.

In der Mitte der 2010er entfernten Chrome und Firefox die alte Plug-in-Schnittstelle NPAPI. Damit liefen klassische VRML-Viewer im Webbrowser nicht mehr. Wie öffnet man heute eine .wrl-Datei? Am einfachsten mit einem Desktop-Programm wie MeshLab oder Blender (über dessen X3D-Import). Im Web zeigt das Open-Source-Werkzeug X3DOM vom Fraunhofer IGD solche 3D-Inhalte ohne Plug-in an.

Webstatistik damals und heute im Vergleich

Bei den Daten selbst hat sich weniger geändert als bei der Optik. Darüber hinaus ist die Art der Quelle oft noch dieselbe. 3Dstats zählte Anfragen, Dateien und Statuscodes, also das, was auch ein heutiges Werkzeug aus dem Access-Log holt.

Aspekt 3Dstats mit VRML Heutige Dashboards
Datenquelle Access-Log des Servers Logfiles, JavaScript-Tracking, Server-Metriken
Darstellung begehbares 3D-Balkendiagramm Linien, Heatmaps, Kennzahlen-Kacheln
Betrachtung VRML-Viewer als Plug-in jeder Webbrowser, auch mobil
Aktualität monatlicher Lauf oft nahezu in Echtzeit
Typische Werkzeuge 3Dstats, http-analyze Matomo, GoAccess, Grafana

Wie die Logfile-Auswertung ohne 3D funktioniert und welche Kennzahlen dort zählen, zeigt der Beitrag zu http-analyze und der Logfile-Analyse im Wandel.

Die Matrix aus Tag und Stunde hat sich gehalten. Was 3Dstats als Säulenwald darstellte, zeigt ein heutiges Dashboard als Heatmap: Wochentage in den Zeilen, Stunden in den Spalten, die Farbe steht für die Zahl der Zugriffe. Die Information bleibt gleich. Verdeckte Säulen gibt es in der Heatmap nicht, also muss auch niemand die Kamera drehen.

Modernes Analyse-Dashboard auf einem flachen Monitor mit Heatmap nach Wochentag und Stunde
Die Tag-Stunden-Matrix von 3Dstats lebt heute als flache Heatmap im Dashboard weiter.

Wer Daten aus Unternehmensquellen ähnlich aufbereiten möchte, findet Anregungen im Beitrag Unternehmensdaten erschließen in fünf Schritten.

Wann lohnen sich 3D-Diagramme?

Seltener, als es die Begeisterung der 90er nahelegt. Claus O. Wilke rät in seinem Buch „Datenvisualisierung: Grundlagen und Praxis“ davon ab, 3D nur als Effekt einzusetzen. Die Perspektive verzerrt Höhen, und vordere Säulen verdecken hintere. Wer zwei Werte genau vergleichen will, schätzt in 3D oft daneben.

Sinnvoll ist eine dritte Dimension, wenn die Daten selbst räumlich sind oder der Benutzer sich in einer Umgebung orientieren soll. Typische Beispiele:

  • Geländemodelle und Stadtmodelle in der Geoinformatik
  • Volumendaten aus der Medizin, etwa Schichtbilder aus der Computertomografie
  • Moleküle, Punktwolken aus Laserscans, Gebäudemodelle
  • Streudiagramme mit drei echten Messgrößen, die sich interaktiv drehen lassen

Nicht sinnvoll ist 3D bei Balken-, Torten- und Liniendiagrammen, die nur zwei Größen zeigen. Viele Tabellenkalkulationen bieten solche Effekte als Standard an, mit den Inhalten hat das nichts zu tun. Für Zugriffszahlen nach Tag und Stunde ist eine Heatmap fast immer besser lesbar. 3Dstats war deshalb vor allem ein Experiment. Als Anschauungsobjekt taugt es bis heute, für die tägliche Webstatistik war das Modell eher Spielerei, weil sich Tageswerte im Säulenwald schlechter ablesen lassen als in einer Tabelle.

Kernaussagen für Eilige

  • 3Dstats machte aus Server-Logfiles ein begehbares VRML-Modell nach Monat, Tag und Stunde.
  • VRML97 wurde 1997 ISO-Standard, scheiterte aber an Plug-ins, langsamer Hardware und fehlender Integration.
  • Der Nachfolger X3D führt das Format weiter, im Browser setzten sich jedoch WebGL, WebXR und glTF durch.
  • 3D-Diagramme lohnen sich bei räumlichen Daten, für Webstatistik reicht meist eine Heatmap.

Wer sich für die Stimmung jener Zeit interessiert, findet mehr im Beitrag über das Internet der 90er mit Homepages, Gästebüchern und Webringen. Wer ein eigenes 3D-Diagramm plant, sollte vorher prüfen, ob die dritte Achse eine echte Messgröße trägt. Ist das nicht der Fall, liest sich dieselbe Auswertung in 2D schneller.